Rezension
Klaus Leist (Hg.): Leben aus dem Geheimnis Gottes
Spirituelles Lesebuch
"Die Frau schweige in der Kirche!" (1 Kor 14,34f.) Dieser frauenkritische Satz erregt bis heute die Gemüter vieler, vor allem kirchlich engagierter Frauen. Was wohl würde sein Schreiber (kaum der Hl. Paulus!) angesichts des von Dechant Klaus Leist herausgegebenen Büchleins sagen, auf dessen Einband eine junge, hübsche Frau, eingerahmt von einer symbolträchtigen Lilie auf der einen und einer nicht weniger aussagestarken Rose auf der anderen Seite, abgebildet ist? Wie erst würde er reagieren, wenn er im Inneren zwölf ausgewählten Persönlichkeiten, hoch qualifizierten Theologen und in hohen Ämten positionierten Kirchenmännern begegnen würde, die dieser jungen Frau ihre Verehrung, Hochachtung und Bewunderung bekunden? Mit Sicherheit wäre er im ersten Moment sprachlos, ganz sicher aber auch würde er seine Meinung revidieren, wenn er die sechsundzwanzig Beiträge gelesen und sich mit der kleinen-großen Heiligen Theresia von Lisieux näher beschäftigt hätte. Sechsundzwanzig Predigten, von denen der Herausgeber, der Heiligen seit fast zwei Jahrzehnten in Gestalt einer jährlichen Wallfahrt nach Lisieux, einer jährlichen Theresienfeier und in mehreren Veröffentlichungen “ganz dicht auf den Fersen” , allein vierzehn verfasst hat, ergeben ein informatives, meditatives und zur Verehrung einladendes Kaleidoskop. Aufgrund dieser bunten Artikelvielfalt gerät die Lektüre des rund 200 Seiten dicken Büchleins zu einem kurzweiligen, ja, spannenden geistlichen Vergnügen. Was nicht überrascht und dann doch erstaunt, ist die Beobachtung, dass alle zwölf Autoren, obwohl mit einer je eigenen “Brille” ausgestattet, im Letzten bei denselben großen theologisch-geistlichen Themen Theresias sprichwörtlich hängen bleiben, so dass sich die Stichworte “Gott”, “Jesus”, “Eucharistie”, “Gebet”, “Liebe” und andere wie rote Fäden durch die Beiträge hindurch ziehen. Insgesamt alles große, übergroße Themen, die die Heilige in ihrem so kurzen Leben, ohne Theologie studiert und ohne ein theologisches Examen abgelegt zu haben, in einer solchen Tiefe auslotet, dass Rom ihr, der Vierundzwanzigjährigen, 1997 den hohen Ehrentitel einer Kirchenlehrerin verleiht.
Dass der Herausgeber jedoch nicht die schnelle, hastige, überfliegende Lektüre des Büchleins im Blick hat, zeigt er durch den Untertitel an. Seine Kennzeichnung als “Lesebuch” erinnert an jene schönen, mit Gedichten und Geschichten gefüllten Lesebücher in der Schule vergangener Zeiten, die die tägliche Deutschstunde zu einem Höhepunkt im Schulalltag werden ließen. Ähnlich will auch dieses Büchlein jeden Tag gelesen und meditiert (!) werden, fünf bis zehn Minuten lang, in kurzen Abschnitten, so dass es die “spirituelle”, heute allgemein vernachlässigte Seite im Menschen stärkt und kräftigt. Allen, die diesem Defizit abhelfen wollen, Erwachsenen, Kindern (S. 151-155) und Jugendlichen (S. 156-163), will das Büchlein eine Hilfe sein, indem es die von der französischen Heiligen lange erprobten, schmerzhaft durchlittenen, vom Heiligen Geist geschenkten Tipps zum geistlichen Leben vorstellt und zu verinnerlichen einlädt.
Um dies an nur drei Beispielen zu konkretisieren: Angesichts des Leids der Welt fragt auch und gerade der Gottsucher nach Gott, was Gottes Wesen ausmacht. Da ermutigt es ungemein zu lesen, dass es für Theresia hier keinen Zweifel gibt: Gott ist wesentlich Liebe, eine gütige und barmherzige Liebe, eine Liebe aber auch, die im letzten unerforschliches und unergründliches Geheimnis ist und bleibt, an der sie selbst in einer tödlichen Krankheit und in tiefster Seelennot unerschütterlich festhält. - Gerade der Fromme auch hat - um ein zweites Beispiel anzuführen - Not mit dem Beten, fragt nach seinem Wie und seiner Wirkung. Da tut es gut zu lesen, dass für Theresia das Gebet u.a. ein Hebel ist, mit dem der Mensch die Welt und den Mensch zu Gott emporzuheben vermag (S. 54), dessen Wirkkraft sie unter anderem in der Bekehrung des Mörders Pranzini erfährt. - Der Fromme träumt drittens z.B. von großen Aktionen, mit denen er die aus den Fugen geratene Welt verändern und verbessern kann. Da tröstet es ihn nicht wenig, wenn er von Theresia hört und liest, dass sie mit Leidenschaft den “Kleinen Weg” propagiert und selber lebt (S. 58). Den “Kleinen Weg” zu gehen meint aber nichts anderes, als “das Gewöhnliche außergewöhnlich gut zu tun” (S. 128), zum Beispiel gerade jenen Mitschwestern im Kloster mit Freundlichkeit und Liebe zu begegnen, die sie provoziert, gekränkt und sogar verleumdet haben. Drei Beispiele von vielen, die zeigen, wie die Meditation der vorgelegten Texte zu mehr Vertrauen, ja, zur Sicherheit im geistlichen Leben verhelfen kann.
Um das in einem handlichen Format und in einer gut leserlichen Schrift vorliegende spirituelle Lesebuch über den Glauben und die Frömmigkeit der Heiligen Theresia von Lisieux mit einem Satz zu bewerten: Es gleicht einer schön gestalteten Kräuterbüchse, die in ihrem Inneren mit einer Vielzahl verschiedener Heilkräuter gefüllt ist, deren heilende Kraft jedoch nur der erfährt, wer regelmäßig, möglichst Tag für Tag, eines von diesen Kräutlein in die Hand nimmt und fleißig reibt, bis es seinen wohl tuenden, den Alltag “würzenden” Duft entfaltet.
Professor Dr. Willibald Bösen